Hellmanns letztes Selbstbildnis

Thomas Böhm

Thomas Böhm

 

Eine Satire von Thomas Böhm

Mitten am Morgen klingelte das Telefon. Fluchend glitschte ich aus der Dusche über Fliesen und Parkett durch den Flur. Es klingelte immer noch. “Warum?” spuckte ich in die Sprechmuschel. Ein Schaumkrümelchen kitzelte meine Nasenspitze.

“Wie warum? Ist da nicht Rollberg am Apparat?”, maulte der Störenfried am anderen Ende der Leitung. “Rollberg ja, aber nass und ohne Handtuch. Und wem habe ich meine nächste Erkältung zu verdanken?” “Oh, Entschuldigung. Aber hier ist Hellmann. Der alte Hellmann, weißt du noch?”

Hellmann. Der alte Hellmann. Ich wusste noch. Der komische Typ aus der Volkshochschule. Hatte letztes Jahr im Malkurs neben mir gesessen. Ein rheumakranker, fast farbenblinder Montagsmaler, hatte kein einziges Bild zustande gebracht. War in die alternative Künstlerszene abgetaucht. Von wegen Selbstverwirklichung auf die radikale Art.

„Morgen Hell, was gibt’s?” „Ich muss dich dringend sprechen!” „Sprich eindringlich, deutlich und laut, ich hole derweil ein Handtuch.” Er quäkte irgendwas von künstlerischer Entfaltung durch die Strippe, aber ich war schon auf dem Weg ins Bad. Was Hellmann wohl wollte? Dass ich mit ihm zusammen im nächsten Semester den Kurs “Bildhauerei für total Behämmerte” besuchen würde, oder dass wir uns gar zum “Chinesisch für Männer, die mit gespaltener Zunge reden” eintragen würden? Mir fiel nichts Vernünftiges ein. Ich rubbelte mich trocken, rasierte mich nass, haute drei Eier in die Pfanne und frühstückte dann erst mal in aller Gemütlichkeit.

Nach dem dritten Bäuerchen griff ich wieder zum Hörer. „…Wirklich, du musst nur das glauben!” Hellmann war noch immer am reden. „Stopp mal mein Junge, fass das doch mal kurz zusammen, wo brennt’s denn nun wirklich?” „Also: Ganz einfach. Am besten, du kommst bei mir im Atelier vorbei, da kannst du dir mein erstes vollendetes Kunstwerk ansehen.”

„Was? Ist dir ‘ne Kirchturmspitze auf den Kopf gefallen? Dein erstes Werk hast du vollendet? Das ich nicht lache. Monatelang hast du im Kurs neben mir gesessen, hast auf deinem Pinsel gekaut, die Leinwand angestarrt, mit den Schultern gezuckt und geweint, statt zu malen. Und was für ein Scheiß du gelabert hast, dass dein Körper und Geist noch nicht so weit wären und du keine halb fertigen Sachen abliefern willst, dass du noch auf die große Eingebung warten und nur ein vollendetes Gemälde abliefern würdest. Haben wir gelacht.” Ich musste schon wieder lachen.

„Lach nur, ich habe nichts anderes erwartet. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten. Jetzt ist es wirklich soweit. Das Gemälde ist vollendet. Und auch wenn du lachst, du sollst der Erste sein, der es zu Gesicht bekommt.” Irgendwas in seiner Stimme sagte mir, dass es ihm verdammt ernst war.

„Was ist das denn für ein Kunstwerk? Ein kalt gepresstes Olivenölgemälde? Ein aufgestellter Kantstein mit Grabinschrift? Oder hast du eine Mütze voll Schlaf porträtiert?” „Du irrst. Es ist ein Selbstporträt. Ein mehrdimensionales Kunstwerk. Ein Gemälde. Ich habe dabei völlig neuartige Stoffe verwendet.”

Jetzt war ich sogar ein wenig neugierig geworden, „ Und, warum bin ich der Auserwählte?“ „Weil du der gemeinste Hetzer in unserem Kursus warst!” „0k, ok, ich komme. Deine Adresse habe ich noch im Kopf.“ „Ich danke dir. Du wirst es nicht bereuen.”

Ein wenig nachdenklich zog ich mich an, stieg die Treppen hinab, befreite mein Fahrrad von den Ketten und trat in die Pedale. Nach ca. 15400 Umdrehungen hatte ich Hellmanns Wohnung erreicht.

Die Tür war nur angelehnt. Die Wohnung wie ein Atelier umgebaut, aber leer. Kein Hinweis, dass sich hier jemand künstlerisch betätigt hatte. Ein völlig leerer, kahler, vollkommen weiß gestrichener Raum. Ich wollte schon losbrüllen, da tauchte Hellmann aus einer dunklen Seitenkammer auf und trat mir entgegen. Nackt, splitterfasernackt. Er sah so noch kleiner und unscheinbarer aus, aber grinste, als ob ihn Dali geküsst hätte. Das war nicht der Hellmann aus der Volkshochschule, das war der Pinsel Gottes. In der rechten Hand hielt er eine große mit einer undefinierbaren, bunten Brühe gefällten Flasche.

„Wo ist dein verdammtes Selbstbildnis? Ich sehe nur Hellmann. Das ist normalerweise schon einer zu viel, aber ich radle nicht durch die halbe Stadt, um einen unappetitlichen Hellmann begaffen zu müssen.” „Geduld mein Freund. Du wirst es gleich sehen.”

Dann setzte er die Flasche an, leerte sie in einem Zug, rülpste einmal kräftig und explodierte. Der Knall war gar nicht so laut. Aber der Druck, der Hellmann von innen auseinandergesprengt hatte, muss ungeheuerlich gewesen sein. Der Künstler war in tausend Stücke geflogen und seine Einzelteile hatten über den ganzen Raum verteilt. Es dauerte einige Minuten, bis ich mich von diesem Schock erholen konnte. Ein Haarbüschel und sein rechter Mittelfinger waren auf meinem Mantel gelandet und dort kleben geblieben.

„Mein Gott Hellmann, was hast du gemacht?” stöhnte ich in den Raum. Die Frage war überflüssig. Das Atelier war vollkommen verändert. Ich befand mich plötzlich in einem riesigen, dreidimensionalen Bild. Der ganze Raum war übersät mit abertausenden, bunten, kleinen und großen Farbflecken. Überall hingen Hautfäden von der Decke, bis in den hintersten Winkel des Raumes lagen himmelblau gefärbte Knochen verstreut am Boden. Hellmanns linkes, gerötetes Auge klebte an einer Glasscheibe und schaute blöde auf die Straße. Auf der gegenüberliegenden Wand hatte sich seine schwarz weiß gestreifte Leber breit gemacht, derweil sein kleinkariertes Gehirn an der Türklinke steckte. Der Zwölffingerdarm zuckte wie eine wütende aber prächtig gezeichnete Kobra über das Parkett und sein hellgrünes Herz pochte aufgeregt vor meinen Füßen herum. Es rieselte regenbogenfarbenes Blut.

Hellmanns Werk war vollendet, und was für ein grandioses Gemälde hatte er der Nachwelt hinterlassen. Ein wildes, buntes, wunderschönes Durcheinander. Ein Mensch, in alle Windrichtungen verstreut, in alle Einzelteile zerlegt. Nur der bunt gefärbte Sprengstoff hatte ihm als Werkzeug für seine Selbstmordverwirklichung gedient. Der Körper als Material.

Allein gelassen stand ich nun hier zwischen seinen persönlichen Puzzleteilchen. Doch sein Schaffensgeist schwebte lebendig noch mit durch den Raum. Niemand würde Hellmann je wieder zusammensetzen können, Was hätte das auch für ein trauriges Bild ergeben. Als Ganzes war Hellmann ein Nichts gewesen, in seinen Einzelteilen jedoch ein prachtvolles Gemälde, ein formvollendetes Kunstwerk. Eine erstaunliche Leistung, hätte ich diesem kleinen, verklemmten Kerl nicht zugetraut. Nur zu dumm, dass er vergessen hatte, sein göttliches Werk zu signieren. (http://journalistenwatch.com/cms/2014/07/27/hellmanns-letztes-selbstbildnis/)

Über conservo

Über mich, „conservo“ – www.conservo.wordpress.com (Peter Helmes) Warum noch „conservo“? conservo will gezielt christlich-abendländische Werte vertreten und dem Zeitgeist entgegenwirken. „Moderne“ aller Couleur haben wir genug! Ich bin seit meiner Jugend ein Konservativer, also ein Rechter. conservo ist aber auch liberal, weil meiner Meinung nach jeder nach seiner Façon selig werden soll. Meine Grenze endet da, wo die Grenze eines anderen überschritten werden könnte. Meine Wertebasis ist die christlich-abendländische Tradition, der ich mich verpflichtet fühle. Die Einsicht in eine Letztverantwortlichkeit vor Gott und Jesu Liebesgebot bietet eine Basis für eine „menschliche“ Gesellschaft. Wenn wir die christlich-abendländische Grundorientierung verlieren, verlieren wir auch die Kraft zum Selbsterhalt. Ich trete ein für ein geeintes, föderales Deutschland, das seinen Regionen, Traditionen und Kulturen einen besonderen Stellenwert einräumt. Und ich stehe für ein einiges Europa, das in der westlichen Wertegemeinschaft seine Heimat hat und die jeweilige nationale Identität wahrt und stärkt – ein „Europa der Vaterländer“ . Klingt altbacken? Überhaupt nicht! Wo stehen wir denn heute, wenn aus „Vater“ und „Mutter“ „der Elter“ und „die Elter“ werden sollen? Wenn wir nicht mehr „Mann“ und „Frau“ sein dürfen, sondern von Natur aus alle gleich sind – und nur durch („falsche“) Erziehung zu Mann und Frau wurden? Wie verrückt sind wir eigentlich, diesem „Gender-Mainstream“ nachzulaufen, der solchen Unsinn produziert und nach dem wir an „DIE Jesus“ beten sollen? (Erinnert mich übrigens fatal an die „Mengenlehre“, die eine ganze, junge Generation verdorben hat, die heute kaum rechnen und schreiben kann.) Und wo leben wir eigentlich, wenn jeder Kriminelle auf freien Fuß gesetzt oder milde bestraft wird, nur weil er „eine schwere Kindheit“ hatte? Und wo kriminelle Ausländer nicht abgeschoben werden, weil in seinem „Zuhause“ ein karges Dasein wartet? Und wo leben wir, wenn Polizisten, die unsere Freiheit und Soldaten, die unser Land verteidigen, hemmungslosen Exzessen ausgesetzt werden – an denen grün-rote Politiker teilnehmen -, ohne daß die Gesellschaft aufschreit? Und wenn sich ein Soldat oder Polizist wehrt, damit rechnen muß, ein Strafverfahren am Hals zu haben? Ich streite für eine Besinnung auf unser Wertegerüst, das Deutschland und Europa über die Jahrhunderte geprägt und zivilisiert hat. Deshalb nenne ich mich „conservo“ (lateinisch: „ich bewahre“) Ich bin bereit, laut zu schreien, wenn der Unsinn zur Methode wird. Und wenn ich die Linken aller Couleur bei ihrer gesellschaftszerstörenden Agitation störe und ärgere, ist schon ein Teil meines Ziels erreicht. Ich lade Euch ein, alles zu kommentieren, zu korrigieren, zu kritisieren. conservo/Peter Helmes Ein P. S., die deutsche Sprache betreffend: Nur für mich persönlich, aber nicht zwingend für Gastautoren, gilt die alte Rechtschreibung. Ich benutze die alte Rechtschreibung aus zwei besonderen Gründen: 1. aus Protest gegen die Vernichtung der deutschen Sprachkultur … …durch die neue Rechtschreibung. Die Erfinder der „neuen“ Rechtschreibung mögen es gut gemeint haben, aber „gut gemeint“ bedeutet nach alter Erfahrung eher „schlecht gemacht“. Die neue Rechtschreibung bietet vor allem weder Schülern noch Lehrern Sprachsicherheit. Wenn es mir im Zweifelsfalle freigestellt bleibt, wie ich ein Wort – richtig – schreibe, fühlen sich alle genasführt. Wenn zugleich auch regelrechter Unsinn damit verbunden ist, wird der Quatsch zur Methode. Der Beispiele gibt es gar viele. Ich will ein Harmloses herausgreifen: „zusammensuchen“ (altes Deutsch): „Schüler und Lehrer sollten ihr Unterrichtsmaterial zusammensuchen“ (also nach dem Unterricht zusammenpacken = 1 Wort). In der neuen Rechtschreibung müßten die Betroffenen wohl erst ´mal ihr Material gemeinsam suchen: „Schüler und Lehrer sollten ihr Unterrichtmaterial zusammen suchen“ (und dann „zusammen einpacken“???). 2. Ich verwende ganz bewußt kein „Genderdeutsch“, … …z. B. wegen des unsäglichen Sprachflusses – wie spricht man „Sternchen“, ein großes „I“ und einen untenstehenden Bindestrich aus (z.B. Schüler*_Innen)? – und auch, weil es im richtigen Deutsch den sog. Gattungsbegriff gibt. „Die Schüler“ erfassen eben auch die Schülerinnen. Um die Absurdität des Genderdeutsch zu entlarven, zwei Begriffe: „Kind“ oder „Pferd“. Genderkonsequent müßte man (im Plural) also sagen: „Pferde und Pferdinnen“ (oder noch umständlicher: „Hengste und Stuten“) und „Kinder und Kinderinnen“ (oder „Mädchen und Buben“). Will heißen, mir ist der Sprachfluß wichtiger als die Rücksichtnahme auf die „sexuelle Vielfalt“. Schließlich ist Deutsch eine gewachsene, fließende Sprache und kein konstruiertes Kompositum aus (zu allem Unheil auch noch überwiegend) Hauptwörtern. Genderdeutsch macht den Sprachfluß zunichte und zerstört damit ein Stück deutsche Identität – was wohl die Absicht der Erfinder dieses Sprachmordes ist. ----- Kurzprofil: Peter Helmes war 40 Jahre ehrenamtlich und 25 Jahre hauptberuflich in der Politik auf allen politischen Feldern (Orts-, Landes-, Bundes- und internationale Ebene) tätig. Er ist ein katholischer, sehr fröhlicher Rheinländer, arbeitet seit 24 Jahren als selbständiger Politikberater und Publizist und war 21 J. freiberuflicher Universitäts-Dozent (Lobbying, Medien). Er veröffentlichte bisher (Stand Sept. 2018) 45 Bücher und Broschüren, die hunderttausende Auflagen erreichten, und verfaßt regelmäßig „Konservative Kommentare“ und nahezu täglich Artikel zu Zeitvorgängen. Helmes gehörte im Bundestagswahlkampf 1980 zum engsten Wahlkampfstab von Franz Josef Strauß und war 1981 (neben Franz Josef Strauß, Gerhard Löwenthal, Ludek Pachman, Joachim Siegerist u.a.) Mitbegründer der „Die Deutschen Konservativen e.V.“, Hamburg. ***** conservo erreichen Sie über elektronische Post: Peter.Helmes@t-online.de -------- Konto-Verbindung: Peter Helmes, VR-Bank Neuwied-Linz, BIC: GENODED1NWD, IBAN: DE 82 5746 0117 0005 2058 73, Verwendungszweck: conservo --------------------------- Haftungsausschluß: Für die Inhalte von verknüpften Seiten übernehme ich keine Haftung. Rechtlicher Hinweis: Mit Urteil vom 12. Mai 1998 – 312 O 85/98 -, Haftung für Links, hat das Landgericht Hamburg entschieden, daß man durch das Anhängen eines Links den Inhalt der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann nur dadurch verhindert werden, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. 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