„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“

(www.conservo.wordpress.com)

Von altmod *)

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Das ist der Titel eines der bedeutsamsten Werke von Karl R. Popper **). Dieses Prädikat kam mir in den Sinn, als ich die neuesten Ergüsse eines gewissen Justus Bender, „Redakteur in der Politik“ bei der FAZ las. Durch einen Link in einem kritischen Online-Dienst kam ich darauf:

„Die AfD will keine Diktatur, sie will die Katastrophe“

Textete Bender. Für seine kruden Mutmaßungen versucht dieser Federhalterkauer, keinen geringeren als Platon als Kronzeugen anzuführen, der die drohende „Katastrophe“ bereits vor 2400 Jahren antizipiert hat:

„Was passiert, wenn man das, was die AfD fordert, mal wirklich ernst nimmt? Der Philosoph Platon hat das schon vor 2400 Jahren getan. Das Experiment würde in Autokratie und Katastrophe enden.“

In der Gestalt der „Populisten“ von der AfD und Leuten wie „Trump, Le Pen, Kaczynski, Wilders, Strache, Johnson“ sieht der FAZke Bender die Demolierer der Demokratie und des „Pluralismus“, wie er meint. Aber von welcher Art von Demokratie, mag man sofort fragen. Nichts dagegen, wenn ein Federsklave der herrschenden Meinung aus dem Programm eines alten Philosophen in eklektizistischer Manier das gerade genehme für seinen Wortschwall extrahiert; macht man ja selbst gelegentlich. Aber irgendwie sollte man trotzdem bei den Faktizitäten bleiben.

Platon hat in seiner Schrift „Politeion“ in den „Zehn Büchern“ und „Dialogen“ das Bild von einem idealen Staat gedacht. Glaubt man dem Küchenphilosophen Justus Bender von der FAZ, ist mit der erreichten „Gleichberechtigung“ in der Entwicklung im 20. Jahrhundert bis heute in fast allen Fragen und gesellschaftlichen Bereichen das Ideal der Platon´schen Demokratie erreicht. Aber bei dem Status des Erreichten droht von nun an Gefahr, ausgehend von bestimmten Gruppen und Personen, mit dem Abgleiten in die „Tyrannis“:

„AfD-Anhänger wären in diesem Gedankenspiel (von J.Bender – d.Red.) keine Antidemokraten, sie wären das Gegenteil: Hyperdemokraten. Sie wären jene, die sagen, dass kein Asylbewerberheim in ihrer Straße errichtet werden darf, wenn sie das nicht wollen. Egal, was irgendeine demokratisch legitimierte Obrigkeit entschieden hat. Sie entscheiden. Sie sind das Volk. Manchmal sind sie nicht mal das Volk, sondern nur ein sehr kleiner Teil davon. Durchsetzen wollen sie ihren Willen trotzdem. Da wird es dann schon autoritär.“

Ich weiß nicht, ob der Justus Bender mehr von und über Platon gelesen hat als ich. Ich muss da bescheiden sein. Aber es ist leicht auszumachen, dass er sich den Platon nach seinem Gusto zurechtbiegt. Das ist allein schon zu erkennen, wenn man sich die Mühe macht, seine Argumente anhand eines Beitrags zur „Politeia“ auf Wikipedia zu untersuchen. Vielleicht bin ich aber selbst in meiner Interpretation verbogen, wegen meiner umfangreicheren Lektüre von Sekundär- anstatt der Primärliteratur zu Platos Staatsphilosophie.

Eine schwerpunktmäßige Rezeption des Originals durch Karl Popper war für mich liberal Eingefärbten überzeugend. Er sieht in dem Idealstaat von Plato ein totalitäres Programm. Die Grundelemente sind nach Popper:

„(A) Die strenge Klassenteilung; das heißt die herrschende Klasse, bestehend aus Hirten und Wachhunden, muß streng vom menschlichen Herdenvieh geschieden werden. (B) Die Identifikation des Schicksals des Staates mit dem Schicksal der herrschenden Klasse; das ausschließliche Interesse an dieser Klasse und an ihrer Einheit; und, im Dienste dieser Einheit, die starren Regeln zur Züchtung und Erziehung dieser Klasse sowie die strenge Überwachung ihrer Mitglieder und die Kollektivierung aller ihrer Interessen. Aus diesen Grundelementen lassen sich andere Elemente herleiten, zum Beispiel die folgenden: (C) Die herrschende Klasse hat ein Alleinrecht auf Dinge wie kriegerische Tugenden und militärische Ausbildung; sie allein darf Waffen tragen und sie allein hat Anspruch auf Erziehung jeglicher Art; sie ist aber von der Teilnahme an wirtschaftlicher Tätigkeit, insbesondere vom Geldverdienen, zur Gänze ausgeschlossen. (D) Eine Zensur muß die gesamte intellektuelle Tätigkeit der herrschenden Klasse kontrollieren, während eine unausgesetzte Propaganda ihre Gedanken zu prägen und gleichzuschalten hat. Neuerungen in Erziehung, Gesetzgebung und Religion sind zu verhindern oder zu unterdrücken. (E) Der Staat muß sich selbst versorgen können. Er muß nach ökonomischer Autarkie streben; sonst wären nämlich seine Herrscher entweder von den Händlern abhängig, oder sie würden selbst zu Händlern werden. Das eine würde ihre Macht, das andere ihre Einheit und das innere Gleichgewicht des Staates untergraben.“*

Ein weiterer liberaler Denker unserer Zeit, der Soziologe Ralf Dahrendorf kritisierte den Charakter des in der „Politeia“ skizzierten Idealstaats. Die angestrebte Gerechtigkeit sei nach Dahrendorf „offenkundig ein unseliger Zustand: eine Welt ohne Rebellen und Eremiten, ohne Wandel und ohne Freiheit“; wirkliche Gerechtigkeit liegt aber eher „im ständig sich wandelnden Resultat der Dialektik von Herrschaft und Widerstand.“

Folgt man den beiden neuzeitlichen Philosophen entlarvt sich der FAZ-Tintenkleckser mit seiner Platon-Paraphrase in Bezug auf die von ihm bedenkliche aktuelle Situation als Parteigänger des autoritären Modells eines „Idealstaats“, als Apologet der herrschenden mediokren Oligarchie oder Demokratur in allen (westlichen) „Demokratien“. Denn, alles andere münde in die „Katastrophe“:

„Es genügt, die Gefahr zu erahnen, dass nicht nur der nach Diktatur strebende Extremismus, sondern auch der nach ungezügelter Freiheit strebende Populismus in eine Katastrophe münden kann.“

meint J. Bender im Schlußsatz seines Artikels.

Mit seiner konformistischen Vereinnahmung von Plato, mit seiner unverhüllten Feindseligkeit gegenüber der AfD und allem, was er als „Populismus“ interpretiert, erweist er sich doch daselbst als unverkennbarerer Feind einer offenen Gesellschaft.

P.S.: Ich habe vor geraumer Zeit mein FAZ-Abonnement gekündigt. Gerade wegen solcherart Zumutungen. Die FAZ glaubt anscheinend immer noch, bei ihren Lesern es mit (Halb-) Gebildeten – oder Trotteln(?) – zu tun zu haben, die auf pseudointellektuelles Geklingel ihrer Redakteure hereinfallen.

** Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde – Bd. 1 „Der Zauber Platons“ – Tübingen 1992

*) „altmod“ ist Blogger (altmod.de), Facharzt und Philosoph sowie regelmäßiger Kolumnist bei conservo
www.conservo.wordpress.com   15. August 2016

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3 Antworten zu „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“

  1. hansberndulrich schreibt:

    Wenn man dem obigen Link folgt:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/das-scheitern-der-demokratie-am-populismus-14381478.html
    und dann die Kommentare dazu aufruft, dann sieht man, wie das Geschreibsel des Herrn Bender bei seinem Publikum ankommt: zu über 90% negativ! Einfach mal die fast dreihundert Leserkommentare nach „viel empfohlen“ sortieren. – Die Leserschaft der FAZ ist doch noch nicht so blöd, wie es die Journalisten gerne hätten. – „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ , das war mal ein Werbeslogan der FAZ. Wäre schön, wenn man das noch von den Redaktionsschreibtischen sagen könnte.

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  2. karlschippendraht schreibt:

    Wie sagte doch Franz-Josef Strauß :
    “ Wer nach allen Seiten offen ist kann nicht ganz dicht sein “ !
    Recht hat er !!!

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  3. karlschippendraht schreibt:

    …….Was passiert, wenn man das, was die AfD fordert, mal wirklich ernst nimmt?…….

    Auf alle Fälle etwas gegenüber den jetzigen Zuständen Positives ! Und genau davor hat diese Linksschickeria Angst .

    ……. erweist er sich doch daselbst als unverkennbarerer Feind einer offenen Gesellschaft……

    Aber er ist zu dumm , dies zu erkennen weil er eben intellektuell ist und nicht intelligent . Bei den geistigen Ergüssen solcher Leute spürt der Kenner der Materie deutlich den real existierenden Unterschied zwischen Intellekt und Intelligenz .

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