Kolumne: Wer kennt Arno Dübel?

(www.conservo.wordpress.com)

Von Klaus Hildebrandt

Man braucht in Deutschland nicht kriminell zu sein, damit es einem trotz Nichtstuns gutgeht (s. „Flüchtlinge“). Dreistsein reicht schon.

Dieser Beitrag einer Redakteurin von der Deutschen Welle (s.u.), einer gebürtigen Chinesin, nennt die Probleme beim Namen. Ich denke dann spontan immer an die vielen Frauen, die nach dem Krieg „Steine kloppten“, Kinder ordentlich erzogen, der Gesellschaft einen eigentlich unbezahlbaren Dienst leisteten und heute mit ihren Mini-Renten noch die hohen Diäten der auch weiblichen Abgeordneten mitfinanzieren müssen. Soviel ich weiß, kostet eine Schachtel Zigaretten 5 bis 6 Euro.

Die Dame hat den Durchblick und spricht die Probleme offen an. „Hut ab!“ Ja, lesenswert!

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Kolumne von: „Danhong Zhang“ Liebe Freunde, eine Blitzumfrage im Büro hat mich beruhigt: Ich bin nicht die einzige, die bis vor Kurzem nichts von Arno Dübel, dem glücklichsten Arbeitslosen in Deutschland, wusste. Viel Spaß beim Lesen:

Mein Deutschland: Wieviel Arno Dübel steckt in uns?

(In einem Kurzurlaub an der Nordsee hat Zhang Danhong eine Wissenslücke geschlossen: Sie lernt durch Youtube den Hartz-IV-König kennen und denkt seitdem neu über das bedingungslose Grundeinkommen nach.)

Arno Dübel – der Mann, der stolz darauf war, nicht zu arbeiten

Was macht man, wenn man sich in einem Strandurlaub gerade nicht am Strand sonnt? Früher haben die Familienmitglieder in der Ferienwohnung Gesellschaftsspiele gespielt. Heute tauscht man Videoclips aus, zum Beispiel den des legendären Auftritts von Arno Dübel bei Sandra Maischberger aus dem Jahr 2010. Arno Dübel ist der dürre Mann mit dem Pferdeschwanz, der damals gerade das 30jährige Jubiläum seiner Arbeitslosigkeit gefeiert hatte. Wirklich gearbeitet hat der Hamburger nie. Nur sporadisch, mal zwei Wochen, mal drei Wochen, dafür aber die ganze Palette: „Oben im Laden oder unten im Lager, dann als Möbelpacker, Treppe rauf, Treppe runter. Das war zu schwer“ – die Anstrengung ist ihm beim Erzählen noch deutlich anzusehen.

Also hat er sich fürs Nichtstun entschieden. Er bekomme auch so genug Geld, dass er gut leben könne. „Warum soll ich arbeiten gehen?“ Nun sei er zu lange raus, nun könne er sich noch weniger vorstellen, einer Arbeit nachzugehen. Und wenn das Jobcenter Motivationstrainer schicke? fragt Sandra Maischberger. „Den Blödsinn höre ich mir erst gar nicht an. Was wollen sie bei mir noch motivieren? Das begreife ich nicht, dass sie nicht einsehen, dass ich nicht arbeiten will.“ Die Sturheit der Behörden bringt Arno Dübel in Rage.

Entwaffnende Schamlosigkeit

Seitdem geht mir der glücklichste oder frechste (je nach Blickwinkel) Arbeitslose Deutschlands nicht mehr aus dem Kopf. Was macht er heute? Der letzte Bericht über ihn stammt aus dem Jahr 2015. Mit 59 Jahren wurde er bereits in einem Altenheim untergebracht. Geistige und körperliche Verödung durch Nichtstun? Natürlich ist Arno Dübel kein repräsentativer Arbeitsloser. Auf der anderen Seite ist Faulsein menschlich. Dass er die Faulheit auf die Spitze treibt und damit kokettiert, macht seinen Unterhaltungswert aus.

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Man kann auch sagen: In jedem von uns steckt ein Arno Dübel – mal mehr, mal weniger. Wenn ich bei 34 Grad Celsius mit einem benebelten Hirn eine originelle und möglichst witzige Kolumne ausbrüten muss, frage ich mich, was Arno Dübel früher an einem solchen schwülheißen Tag wohl gemacht hat. Erst mal bis in die Puppen schlafen, dann gemächlich aufstehen, vor dem Fernseher einen Kaffee schlürfen, dann mit dem Hund spazieren gehen, möglichst im Schatten.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich könnte nicht so leben wie Arno Dübel. Ich glaube, das können die wenigsten Chinesen. Wir sind ein emsiges Völkchen und so erzogen worden, alles zu tun, damit die Eltern, Großeltern und alle Vorfahren stolz auf uns sind und unsere Kinder zu uns hochschauen können. In unserem Leben ist eigentlich gar kein Platz für Arno Dübel. Oder doch?

Avantgarde oder Dekadenz? 

Als die Schweizer über ein bedingungsloses Grundeinkommen abstimmten, entbrannte auch im chinesischen Netz eine heiße Diskussion. Tenor: Würden auch die Chinesen der Verlockung „Geld für das bloße Dasein“ widerstehen? Eher nicht. Viele finden es deshalb gut, dass sich die chinesische Regierung nicht von dieser westlichen Dekadenz anstecken lässt.

Ist die Idee nun wirklich so abwegig? Früher hätte ich die Frage sofort bejaht: Linke Spinnerei, als ob das Geld aus der Steckdose käme. Doch seit ich Arno Dübel kenne, bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Wie der Zufall so will, ist die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen auch durch die neue TV-Sendung „Mensch Gottschalk“ wieder in den Fokus gerückt. Es gibt sogar ein Bündnis Grundeinkommen, das im Herbst in den Bundestag einziehen will. Die Gruppe argumentiert: Das Grundeinkommen existiere bereits, trage bloß andere Namen wie Steuerfreibetrag oder Sozialhilfe. Ich rechne für Arno Dübel mal durch. Bis er ins Altenheim kam, hatte Vater Staat die Miete für seine Zweizimmerwohnung (sagen wir 550 Euro) übernommen, den Strom (rund 50 Euro)  und die ärztlichen Atteste gezahlt, mit denen er sich um die Forderungen des Jobcenters nach Bewerbungen und Umschulung gedrückt hatte, und ihm rund 400 Euro Hartz IV-Regelsatz zum Leben gegeben. Das macht zusammen 1000 Euro und entspricht exakt der vom Bündnis favorisierten Summe des bedingungslosen Grundeinkommens.

Mit anderen Worten: Für Arno Dübel wäre es gehopst wie gesprungen. Mit einem Grundeinkommen hätte er sich aber die Mühe des Lesens der Amtsschreiben und der Arztbesuche sparen können. Für den Staat wären die Kosten für das regelmäßige Anschreiben und die Motivationstrainer weggefallen. Eine Win-win-Situation.

Geld macht frei

Das Bündnis führt weitere Argumente ins Feld: Die Digitalisierung werde in den nächsten Jahren die Arbeit von Millionen Menschen durch Maschinen ersetzen, ein bedingungsloses Grundeinkommen diene dem sozialen Frieden; bei Menschen, die in Lohn und Brot stehen, würden die zusätzlichen 1000 Euro einen Kreativitätsschub auslösen.

„Was würdest Du tun, wenn Dein Einkommen sicher wäre?“. Auch mitten in Berlin wurde schon für das bedingungslose Grundeinkommen geworben

Beim letzten Punkt regen sich aber Zweifel bei mir. Ob das Grundeinkommen Kreativität freisetzt oder doch zu weniger Arbeitszeit führt, darüber streiten die Experten. Die entscheidende Frage ist, wieviel Arno Dübel in uns allen steckt?

Ich selbst muss mich indessen selbstkritisch fragen: Warum habe ich erst mit sieben Jahren Verspätung von diesem prominenten Menschen Kenntnis genommen? Ich glaube, die beste Antwort kann mir Arno Dübel selber liefern: „(Arbeit) war so eintönig. So bin ich schön zu Hause, kriege mal dieses, mal jenes mit. Wenn ich arbeiten gehe, kriege ich gar nichts mehr mit.“ (http://p.dw.com/p/2dv3T)

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Zhang Danhong ist in Peking geboren, lebt seit über 20 Jahren in Deutschland und arbeitet bei der Deutschen Welle:

Deutsche Welle, Hauptabteilung Wirtschaft und Wissenschaft, Kurt-Schumacher-Str. 3, 53113 Bonn, Tel: ++49 228 429 4235, Fax: ++49 228 429 4224, Email: danhong.zhang@dw.com

www.conservo.wordpress.com   4.6.2017
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Über conservo

„Conservo“ war 25 Jahre hauptamtlich in der Politik tätig. Er ist ein katholischer, fröhlicher Rheinländer, arbeitet seit 21 Jahren als selbständiger Politikberater sowie Publizist und war 21 Jahre lang freiberuflicher Universitäts-Dozent (Lobbying, Medien). Er ist außerdem Verfasser von bisher 44 Büchern und Paperbacks sowie regelmäßiger Kolumnist mehrerer Medienorgane und Blogs. conservo ist ein überzeugter Europäer, für ein Europa der Vaterländer – auf christlich-abendländischem Fundament. Als Mitbegründer der Deutschen Konservativen e. V., Hamburg, und deren Chefkorrespondent spricht und schreibt er grundsätzlich auch in deren Sinn, d. h. die Meinungen von conservo entsprechen der grundsätzlichen Linie der Deutschen Konservativen e.V.
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Eine Antwort zu Kolumne: Wer kennt Arno Dübel?

  1. m.ela schreibt:

    Ich wurde und werde bis heute das Gefühl nicht los, daß es sich dabei um eine „scripted reality“ handelte und Arno Dübel ein (wenn auch schlechter) Laienschauspieler war. Das Ziel der Show wurde erreicht und seither gehören arbeitslose bzw. arme Menschen, sogen. „Hartzer“, zum Bodensatz der Gesellschaft.
    http://www.orschlurch.net/2017/01/17/ich-bin-ausgelastet/
    (Interessante Kommentare, besonders der erste.)

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